by Nives Konik
Kurzgeschichten
Über das Alter,Traurigkeit und Tod
Die gefallenen Engel

Die gefallenen Engel

Hier in der Großstadt sehen und übersehen wir sie. Sie stehen, sitzen oder laufen herum, haben meist fest eine Hand um eine Tüte geschlossen.
Die Kleider abgetragen, verwaschen, die Hosen zu kurz, die T-Shirts lang und schief, die Farben keine Farben mehr. Die Hände verhornt und so oft mit unzähligen Verletzungen übersät. Die Schuhe nicht zugeschnürt und auch ergraut. Genau wie die langen, struppigen Haare, die sich in alle Richtungen wie zur Verteidigung sträuben.
Und die Gesichter. Wagen wir es in ihre Gesichter zu blicken, so sehen wir, jedes Gesicht erzählt seine eigene Geschichte. Tiefe Furchen, wässrige Augen mit dicken roten Tränensäcken, die Augenbrauen treten stark hervor in grau, der Mund blaß und verschwindend klein, die Hautfarbe asch bis weißlich blau.
Die Fingerkuppen gelb vom Tabak.
Im Winter, dick eingemummelt in fünf Lagen Textilien, im Sommer, trotzdem nur die zwei Lagen ausgezogen. Der Mantel bleibt an.
Schutzhüllen und Unberührbarkeit
hüllen sie ein. Die Aura
von Aufgabe und Aufsäßigkeit
Unsere letzten Revolutionäre und Ankläger der Hauruckgesellschaft sitzen auf Parkbänken und nehmen kleine Schlucke aus schmalen, weißen Flasche. Sie reden oder schweigen. Wir haben sie schon schweigend gemacht,
diesen Unrat.
Und doch, gehen wir an ihnen vorbei
und unser Schritt wird schneller,
das Herz zieht sich kurz zusammen
und die Augen blicken schnell nach vorn.
Aufgabe und Revolution
Verschmelzen in ihnen
wir spüren es leicht,
und fühlen uns übermächtig
bedroht
wir ängstigen uns, ekeln uns, fühlen
Mitleid, das sofort in Wut umschlägt,
Verachtung, Haß und dann
Ignoranz

Wie so oft, was und berührt, und
uns möglicherweise wieder berühren
könnte
ignorieren wir
sind nicht da
diese Kreaturen
Gefallene
Engel

ZUR ÜBERSICHT

Die Amerika Reise

" Weißt du Milena, ich gehe einmal nach Amerika" Milena horchte in die Stille hinein.
" Bist du noch da?"
" Ja."
" Ja, ich habe mir überlegt, ich lasse mich einäschern, und die Urne kommt zu meiner Nichte nach Amerika."
Milena schluckt. Unfähig ein Wort herauszubringen. Natürlich ein Leben: 86 Jahre lang zu leben ist schon eine Sache, aber die Endstation auszusprechen ist doch etwas anderes
Oder?
"Milena, das ist doch jetzt nicht ungewöhnlich. Alle sind mobil. Ich habe nachgedacht und Ordnung geschaffen. Hinterher muss doch Ordnung herrschen."
" Ah, Mutti, aber darüber wollen wir doch jetzt nicht reden."
"Aber warum denn nicht? Die Krankheit ist da. Und ich weiß, was auf mich zukommt. Irgendwann müssen wir ja alle sterben. Ich hab´s doch schön gehabt. Ein langes, gesundes Leben."
Milene wußte, jedes Wort stimmte. Es ist wahr. Alle sterben wir, und dann beginnt etwas Neues. Das sagte Mutti schon immer.
Jetzt kicherte Mutti Milena ins Ohr "Weißt du, mir erleichtert meine Neugier auf alles Neue das Sterben. Ich bin schon richtig neugierig was kommt."
Milena mußte lächeln. Ja, so war sie. Neugierig und humorvoll. Welch ein Trost, dass einem das Alter diese Eigenschaften nicht wegnahm. Optismus, Lebensfreude und Humor.

Mutti konnte schon seit längerem nicht mehr die Arme heben oder Treppen steigen. Der Körper versagte nach und nach den Dienst, aber ihr Lachen, ihr Lachen war das gleiche geblieben, über all die Jahre. Dieser Gedanke tröstete Milena. Das Wort Krebs war nie zwischen Ihnen gefallen.
Wie jeder Mensch hatte auch Milena Angst vor dem Alter, Angst vor dem Tod.
Die Ungewißheit war bedrohlich. Doch wenn sie recht überlegte, war das Leben auch ungewiß. Und sie lag trotzdem nicht erstarrt in irgendeiner Ecke, oder machte sich Sorgen über das Leben. Die Zeit, die wir haben, gehört uns.
Milena schmunzelte.

"Ich wünsche dir alles, alles Gute im Leben, Milena. Und das alles, was du anfasst gelingen möge. Viel, viel Glück ."
"Danke, Mutti.", brachte Milena lediglich heraus.

Etwas Besseres als Glück konnte sie sich auch nicht wünschen. Milena legte sachte den Hörer auf und verharrte in der letzen Bewegung. Ein Satz schwirrte ihr durch den Kopf: "Das Leben ist eine Reise. Wenn man den Ankunftsort bestimmt, ist es wohl bald zu Ende. Also Amerika"