by Nives Konik
Kurzgeschichten
Die Ferne Nähe
Der kroatische Koffer

Der kroatische Koffer

So ging er los. Nur diesen einen Koffer in der Hand und Hoffnung im Herzen. Er war jung, Anfang zwanzig, mit Liebe und Tatendrang durchdrungen. Er wollte arbeiten, erschaffen, etwas aufbauen, zusammenfügen, ein Leben neu und tiefer erschaffen. Also stieg er in den Zug, der ihn fort aus der Heimat fahren würde. In der schwitzenden Hand hielt er einen zerknautschten Zettel auf dem
"Minchen" stand. Er hatte den Zettel wohl schon hundertmal auf-und wieder zugeklappt. Noch immer hatte er den Abschied vor Augen, von dem älteren Bruder, von den Schwestern, von der Tante, die die sieben Geschwister nach dem Tod der Eltern aufgezogen hatte. Das war der eine Abschied. Der andere Abschied, von der Frau, die Liebe und Erlebnis in sein Leben gebracht hatte war ruhiger und tränenreicher gewesen. Er sah sich im Abteil um, und stellte fest, daß noch mehr junge Männer hier saßen und angestrengt zum Fenster hinaus schauten. Der Herr im feinen Anzug, der in seinen Ort in Kroatien aus dem fernen Deutschland angereist kam, hatte sich einen Dolmetscher mitgebracht und eine Veranstaltung im Dom KUD gemacht. Dieses Land "Deutschland" brauche junge, fleißige Männer? Wer will komen?
Die Lage im Ort war nicht so rosig für die jungen Leute. Es gab kaum Arbeit, kaum genug um sich das Überleben zu sichern. Und Hunger, Hunger kannte der junge Mann gut.
Hunger, Kälte und Schläge.
Also ließ er seinen Namen auf eine Liste schreiben, und bekam dafür einen Zettel mit den Zugfahrkarten und den Zeiten. Alles ging so schnell, und es sollte ja nur vorübergehend sein
VOR- ÜBER- GEHEND.
Bevor er richtig wußte, was geschah, hatte er schon die wenigen Habseligkeiten in den alten Koffer gepackt. Seine Autobücher, wer war ein Mercedes Fan, seine Jeans, die weißen T-Shirts, die braune Jacke, die er sich von seinem ersten Lehrlingsgehalt gekauft hatte, und die ihm so gut stand, und eine Mappe voll von Bildern, Todesanzeigen, Briefen. All das warf er schnell in den alten, schwarzweiß karierten Koffer mit den Blechverschlüssen, die mit einem lauten
"Schnapp" auf- und zu gingen. Außerdem hatte der Koffer noch schwarze Lederriemen, zur Sicherheit eben, falls das "Schnapp" mal kaputt ginge. Er schloß alles sorgfältig ab und verließ Die Geliebte, die Familie, die Freunde und Feinde, das Haus und den Hof. Er ging mit Mut im Herzen und Angst in den Beinen. Der Zug, in den er stieg, ließ ein häßliches Zischen los, und er war froh, daß niemand mit zum Bahnhof gekommen war, ganz er es sich gewüsncht hatte. Keine rührseligen Abschiede für ihn, denn er war so nah am Wasser gebaut. Und er wollte doch so stark sein.
Sein Leben in seinen Händen. Dort in der fremden Stadt mit dem lustigen Namen "Minchen"wartete seine Zukunft erschaffen zu werden, durch die Kraft und den Mut seiner Hände. Er ging, und hielt sich während der Zugfahrt fest am Koffer. Er ließ ihn nicht aus den Händen. Der Zug war überfüllt, und er auf seinem Koffer im Gang. Eine Weile, bis zur österreichischen Grenze, hatte er angelehnt an die Wand geschlafen, doch seit dem Morgen, blickte er ebenso angestrengt wie die anderen Männer zum Fenster hinaus. An jeder Haltestelle sprang er auf, um den Namen auf dem Schild draußen mit dem Namen auf seinem Zettel drinnen zu vergleichen. Er sprach nur wenig Deutsch, und die Sätze an die er sich erinnern konnte, waren ihm hier nicht behilflich. Wem sollte er hier schon erzählen:" Mein Name ist Zdravko.Ich komme aus Kroatien. Wie heißt du?" Das interessierte hier wirklich niemand. Die Anspannung war fast greifbar in den Zugwaggons. Er war auch müde, die Beine und der Rücken taten ihm weh, da er so eingeklemmt auf seinem Koffer sitzen mußte.
Die blauen offenen Augen brannten ihm, da er sie so aufgerissen hatte, um ja die Station "Minchen" nicht zu verpassen. Aber die Fahrt ging weiter, und weiter, und auf keinem der Schilder stand "Minchen". Gerade als er vor Erschöpfung einzunicken drohte, kam Bewegung in die Masse der Männer. Ein Raunen, leises Reden, Schieben und Drücken begann. Zdravko erwachte erst, als der Zug schon in München am Hauptbahnhof hielt und die Durchsaen in der harten fremden Sprache durch die riesigen Hallen dröhnte. Er war sofort hellwach, sprang auf und griff nach seinem Koffer. Mit zittrigen Knien und nebligem Verstand stieg er aus. Es war Nachmittag und es war kalt hier. Er zog seine braune leichte Wildlederjacke an und fror weiter. Er ließ sich mittreiben, mit den anderen Männern, die ausstiegen, und wartete erstmal ab. Dann nach einigen Minuten klarten sich seine Gedanken auf, und er sah ein Schild aufleuchten, das dort an einem Ende der Halle aufgestellt war.
Auf dem Schild stand: GASTARBEITER, und da er das Worteil -arbeiter erkannte, nahm er an, daß er gemeint war, genauso wie die anderen 200 Männer, die sich dort schon um den Schalter scharrten.
Ein großer Mann mit schneeweißen Haaren stand dort und ließ sich die Namen auf der Liste zeigen. Gott behüte, welcher normale Mensch konnte diese Namen schon aussprechen: Toplakovic, Martinovic, Ugresis, Vidojkovic. Außer dem -ic, nicht aussprechbar. Also hatte man sich schnell zurechtgefunden, und die Männer mit den -ic Namen zeigten einfach auf den Vorsatz auf der Liste. Manche gingen danach zum Ausgang, andere erhielten neue Fahrkarten mit der Gleisnummer und der Abfahrtszeit, die sie zu einer ARBEIT bringen würde. Für Zdravko ging die Zugfahrt weiter, er sah gleich seinen Namen zeigte darauf, lächelte den Mann hinter dem Schalter an, und wartete.
Dieser sah ihn überhaupt nicht an, erwiderte auch nicht das Lachen, denn er suchte bereits die Anschlußfahrkarten aus dem Haufen heraus und reichte sie Zdravko ohne aufzublicken. So war das.
Zdravko griff wieder zu seinem Koffer und ging zum aufgeschriebenen Gleis. Er sah sich kaum um, denn es tat nun doch weh. So viele Kilometer, Zentimeter.
Als er im Anschlußzug saß und dieser losfuhr, fraßen sich die Kilometer Meter für Meter und Zentimeter für Zentimeter in seine Seele ein. Nie wieder tat ihm sein Herz so weh. Er wollte diesen Schmerz nehmen und in den Koffer packen. Der Koffer war aber schon so voll, also blieben die Kilometer und Kilometer in seinem Herzen, und das Reisen würde ihm immer wieder diese Wunde öffnen. Seine Stadt der ARBEIT hieß Stuttgart. Ganz im Süden von diesem Deutschland, wenigstens im Süden, dachte er so bei sich.
Wieder zog eine eindrucksvolle Landschaft an ihm vorbei, wieder das angespannte Ausschau-halten nach einem Schild. Und wieder dauerte es eine kleine Ewigkeit, zumindest schien es so dem jungen schönen Mann.
Irgendwann aber, hatte das Ausschau-halten Erfolg und diesmal stand er als erster an der Zugtür, um auszusteigen. Sein Koffer kam ihm unendlich schwer vor, so als hätte er sein ganzes Land miteingepackt. Zentnerschwer hing er ihm an den Händen und er mußte ihn mit beiden Händen tragen.
Der Zug hielt, er öffnete die Tür mit einiger Mühe und als er die Treppen hinuntergegangen war, mitsamt seinem Koffer, schien ihm die Sonne frech und stechend ins Gesicht. Er war geblendet und wuchtete schnell den Koffer auf den Boden-
Der Koffer aber, sprang von der Wucht und Heftigkeit auf, das "Schnapp" erscholl und die Lederriemen rissen. Der Inhalt des gesamten Koffers des jungen schönen Mannes ergoß sich über den Boden dieses Ortes.

ZUR ÜBERSICHT
Die verlorene Generation

Er war vier. Eben hatte seine Tante, die später alle sieben Geschwister aufnehmen sollte, der Mutter die Augen geschlossen und die Hände gefaltet.
Sein Vater war schon ein Jahr zuvor am Alkohol zerbrochen.
Eno war nun ein Waisenkind, wie so viele seiner Generation. Die Armut, der Alkohol und die vielen Kinder. Alles zusammen bedeutete: Elend.

Er nahm seinen zwei Jahre jüngeren Bruder an die Hand und lief weinend den Berg hinunter. Es gab keine Straße zu ihrem Haus, nur ein Sandweg durch den Wald.

Mit seinen vier Jahren verstand er, was geschehen war. Die Mutter, mit ihren sanften Augen und der leisen Stimme war nicht mehr da. Bald schon würden sie Erde über sie häufen, genau wie beim Vater. Die anderen Geschwister waren älter, vier Mädchen und drei Jungen. Eine Familienbande. Familie, dieses Wort wurde für Eno am Todestag seiner Mutter das wichtigste Wort für sein gesamtes Leben.

Später dann mit den Jahren, erfuhren Eno und seine Geschwister was Hunger bedeutete, was Kälte bedeutete und Gehorsam. Wenn sie nicht verstanden, wurde mit Prügel nachgeholfen. Schläge und Prügel waren an der Tagesordnung. Die Tante hatte plötzlich sieben Kinder, sie war kinderlos gewesen. Ihr Mann war beim Militär, also kannte sie sich mit Erziehung aus.

Die Schule, gleichzusetzen mit noch mehr Prügel, war Eno verhaßt. Er ging hin, bekam seine Tracht Prügel, mußte still sitzen, und ging nach Hause. Er konnte es kaum abwarten. Regelmäßig mußte die Tante in die Schule, um sich Tadel über die zwei jüngsten Buben anzuhören. Sie bat um Verständnis, um Versetzung. Dann ging sie nach Hause, um die Beiden richtig durchzuprügeln. Es nützte nichts, sie wußte es, aber so mußte es nun mal geschehen. Wenn ihr dann schon die Hände weh taten vom Riemenschwingen, gab sie den Riemen weiter an den ältesten Bruder, damit er beendete, was sie begonnen hatte. Die Mädchen saßen still in den Ecken, und wunderten sich nur, warum die beiden Buben nur so wild waren, wenn es doch nur Schläge einbrachte. Eine Schwester war taub, sie konnte die Schreie nur sehen, und die Schmerzen erreichten sie mit jedem Windzug doppelt so stark.

Die Kinder wurden größer, wurden so etwas wie erwachsen.
Eno ging ins Ausland, um ein besseres Leben zu suchen. Lane, der jüngere Brüder blieb, um es hier zu suchen. Er war voller Mut, Ironie und schwarzem Sarkasmus. Der Jüngste einer verlorenen Generation.

-
Heute, heute ist er ein Alkoholiker und Landstreicher-Penner. Er hat es nicht gefunden, das bessere Leben, den Weg. Er wollte einen anderen, helleren Weg finden, aber hier in diesem düsteren melancholischen Land gab es ihn nicht. Er hatte auch, ganz wie der "ältere" Bruder Eno ins Ausland zu gehen. Aber sein Schicksal der späten Geburt ließ ihn auch hier nicht los. "Zu-spät". Wohin er sich wandte, er war zu spät dran, die Frist zur Eintragung vorbei, die Zeiten der Anwerbung vorbei.
Er beschloß, sie sollten ihn trotzdem nicht bekommen, nicht verschlingen, diese Welt hier.
Er übergab sich dem Alkohol und der Selbstzerstörung. Er entzog sich und gab auf.

Bei einem Besuch sah Eno seinen kleinen Bruder, nun schon selbst nahezu 50 Jahre alt. Noch hatte der Alkohol das Gesicht nicht entstellt, aber der Körper war nicht mehr der eigene des Bruders. Eno weinte, weinte um verlorene, nie erlebte Stunden des Glücks seines Bruders. Er weinte um die Zartheit der Seele, den Humor, den Sarkasmus, die Schwermütigkeit seines Bruders. Er konnte ihn nicht mehr ansehen. Der Bruder war schon ausgelöscht. Vorhanden war nur noch die kranke Hülle.

Eno kaufte dem Bruder einen kleinen Wohnwagen und ein kleines Stück Land. Er sollte nicht auf der Straße leben, nicht eines Nachts im Alkoholnebel im Straßenrand erfrieren. Mehr konnte er nicht mehr für ihn tun. Es tat ihm im Herzen so weh, er konnte nichts mehr für ihn tun.

Eno, Eno hatte Glück und harte Arbeit gehabt. Er hatte eine Familie, Kinder, die ihn liebten, ihm Sorgen und Freude bereiteten. Eine Frau, die ihn liebte, und die ihn quälte. Eine normale Ehe der Zeit.
Er hatte ein Haus gebaut, hatte einen Garten, hatte einen Enkel bekommen, der ihm aufs Haar glich. Er liebte und wurde geliebt. Alles war also gut, gelungen.
Aber, etwas schnürte ihm die Seele ab. Die Zeit, die Zeit war so schnell mit Arbeit und Sorge verflogen. Er hatte viel, aber Zufriedenheit,
Zufriedenheit hatte er nicht.

Das Schicksal seiner Generation mit ähnlichen Kindheitsgeschichten, sahen sich gegenseitig an, und fragten sich:" Sind wir das? Wann sind wir so alt geworden?"
Sie fühlten sich betrogen, sie konnten spüren, daß ihnen etwas gestohlen wurde. Genau benennen konnten sie es nicht.
Wenn Eno sich in seiner Generation der Gastarbeiterfamilien umsah erschrak er. Wohin er blickte, Krankheit, Apathie, Wahnsinn und Unzufriedenheit.

Das "bessere Leben" hatte sie alle aufgefressen, was übrig war von ihnen waren die Teile, die das "bessere Leben" auch nicht brauchen konnte. Krankheit, Apathie, Wahnsinn und Unzufriedenheit konnten sie behalten. Was sollte es damit?

Wie hatte das passieren können. Warum hat jene Freundin Todessehnsucht, und schwere Depressionen, warum war jener Freund zum Sozialhilfeempfänger geworden nach jahrzehntelanger Plackerei. Ein anderer wieder war gerade so zweimal dem Herzinfarkt entkommen. Ein drittesmal wird es ihm nicht gelingen. Eine andere Freundin wieder verließ die Muskelkraft, eine siechende Todeskrankheit hatte sie befallen. Sie war immer eine vorbildliche und fleißige Frau gewesen.

Sie, alle trafen sich immer noch, wie sie es schon immer getan hatten. In der Ferne, fern von der Heimat. Trafen sich zum Reden, Essen, Trinken und Singen. Vor allem zum Singen. Der Freund, der so schnell nun weinte, holte dann sein Akkordeon hervor, und spielte die alten Heimatlieder. Die schwermütigen, ironischen Weisen des Balkans. Sie sangen mit Tränen in den Augen bis ihre Kehlen heiser waren. Manchmal kannten sie nur eine Strophe der Lieder, die Alten der Heimat waren nicht hier, um sie anzuleiten, ihnen die Texte weiterzugeben.
Also sangen sie die ersten Strophen der Lieder und fühlten sich recht glücklich.
Danach war es leichter dieses "bessere Leben" zu ertragen. Sie arbeiteten weiter und weiter, die Rücken brachen, die Füße wurden lahm. Mit fünfzig waren sie Greise geworden. Der Tod schon an der eigenen Schwelle, und noch im Gesang klopfte er an, trat zwischen sie und zwinkerte ihnen vergnüglich zu. Ihre verzweifelten Herzen wußten sich nicht zu helfen. Sie sahen den Verfall an ihren Freunden, erschraken, um weiter zu machen, nicht halt zu machen, denn dann würde eine Zeit des Nachdenkens einsetzen. Das konnte sie das Leben kosten.

Also trafen sie sich immer weiter zum "Feiern". Erklärungen für den Verfall der anderen kursierten umher, Neid, Mißgunst, alles, alles ließen sie zu.

Ihre Kinder, ihre Kinder sahen ohnmächtig zu. Sahen der Vernichtung zu, konnten nicht begreifen, warum, warum. Suchten andere Wege, Leben, Richtungen. Redeten auf die Eltern ein, Halt zu machen, langsamer zu arbeiten, mehr an sich selbst zu denken. Es sich gutgehen zu lassen.
Unverständnis und Mißtrauen lasen sie in den Augen der Eltern.
Haben wir nicht alles für euch getan? Für die Familie? Immer für die Familie?

Kinder und Eltern sehen sich an, mit Schmerz in den Augen, und Schreien in den Ohren. Die Kinder konnten nicht helfen, konnten der verlorenen Generation Ihrer Eltern nicht mehr helfen. Nur die Liebe, die Liebe konnten sie ihnen geben.
Die Hand der Vernichtung war schon erhoben, im Fall begriffen. Die Kinder kniffen bereits die Augen zu, um den Schlag nicht mit ansehen zu müssen, während die Eltern in gnadenvoller Unwissenheit ihrer Bestimmung entgegen gingen.